Dienstag, 4. April 2017

Der Begriff – Ambivalenz gehört dazu

Der Begriff, den ich meide. Der Begriff, um den die Ärzte so sehr kämpfen, um mich einzuordnen.
Ich muss unentwegt an das Gespräch mit Mani, damals noch Arzt im Praktikum, denken: „Warum ist es dir so wichtig, die Symptome unter Migräne abzuhandeln? Es ist da. Es braucht keine Bezeichnung.“
Migräne war ein Schutzwall gegen den Begriff. Gegen die Zuordnung zu Schwerstkranken mit der Aussicht selbst schwerkrank zu werden. Es hat mir Sicherheit gegeben zu sagen: „Ich habe eine Augenmigräne mit großen Auren.“ Es war sicher, dass nicht mehr dahinter steckt. Degeneratives. Vernichtendes. Behinderndes. Armseliges. Ich bin klug. Ich bin fähig. Ich bin nicht krank. Denn das ist das, was der Begriff mit mir macht: ich bin dann per Definition KRANK. Mit Migräne bin ich nur gesegnet. Wäre nicht krank.
Berühmte Menschen haben Migräne. Berühmte und intelligente Menschen hatten und haben Migräne. Es ist schön, in deren Reihe zu sein.
Welche Person ist schon glücklich, sich mit dem Begriff auseinander zu setzen? Plötzlich wäre alles mit dem Begriff zu erklären.
Da!
Du hast den Begriff!
Sie haben dich mit dem Begriff diagnostiziert.
Du gehörst nun zu ihnen: den schwachen, armseligen, KRANKEN Menschen. Du wirst bald nicht mehr fähig sein. Unfähig dein Leben so zu führen, wie du es möchtest. Du bist eine Leidende. Eine auf Dauer Leidende. Du bist nervenkrank. Du passt nicht in die Gesellschaft.
Das passt mir nicht.
Ich will den Begriff nicht für mich vereinnahmen. Ich will nicht zu einer mit dem Begriff erkrankten Person wahrnehmbar werden.

Ich bin ich. Ich ändere mich nicht, nur weil ich den Begriff hätte. Ich bin nicht verändert seit Montag als im Termin mit der Neurologin wieder der Begriff auftauchte. Was sich geändert hat ist, ich habe Angst. Angst. Mehr Angst als ohne den Begriff, als ich nur merkwürdige Symptome hatte.
Was?
Ich bin ich.
Ich will einfach nur ich sein ohne Angst.

Was macht der Begriff mit mir?

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