Mittwoch, 2. März 2016

Thema Lebensfreude

Im Brief an B. vom 01.03.1990 (nie abgeschickt)


Vor 27 Jahren wurde ich von einer Ärztin zum nächsten Arzt gereicht. Keiner dieser Fachmenschen sprach mit mir. Ich wusste nicht, warum ich unentwegt Termine wahrnehmen musste. Bis der Augenarzt im Termin zur Besprechung des Ergebnisses meiner Gesichtsfelduntersuchung mir mitteilte, dass die Überweisungen mit dem Verdacht auf Multiple Sklerose begründet worden seien. Und so schrieb ich an B.:
Die Ärzteschaft verdächtigt mich einer ZNS-Erkrankung. Der Augenarzt vermutete im letzten Jahr (das teilte er mir jetzt erst mit!) sogar MS, was er aber in dieser Woche zurücknahm. Für seinen Bereich zurücknahm. Die Neurologin ist dagegen nicht sehr kooperativ. Sie will unbedingt, daß ein SSEP und ein VEP an mir ausprobiert wird. Ich bin begeistert! Besonders da ich weiß, daß das SSEP schmerzhaft sein soll.

Können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich kann das in mein Leben integrieren, daß ich ab und zu vom Schreibtisch wegfalle und für fünf Minuten nicht da bin, anschließend mit rasenden Kopfschmerzen erwachend. Und daß ich ab und zu anstatt Schmerz nur Kälte verspüre, ist doch praktisch.
Lebensfreude!
Ich hoffe jetzt leicht, daß es "nur" eine verschärfte Form von Migräne ist.
Jetzt wiederhole: Lebensfreude.
ZNS = Zentralnervensystem
SSEP = Somatosensibel evozierte Potentiale (Link geht auf wikipedia)
VEP = Visuell evoziertes Potential (Link geht auf wikipedia)


In dieser Zeit der ständigen Untersuchungstermine las ich Sachbücher zu Migräne (Oliver Sacks, Migräne) und ganz viele Bücher zu Multiple Sklerose. In einem der Bücher zur MS wurde SSEP als sehr schmerzhafte Untersuchung beschrieben. Deshalb wehrte ich mich sehr lange gegen die Neurologin, die mich zum Test in eine Klinik überweisen wollte. Was ich nicht mitbedachte war, dass das Buch, welches ich zum Thema las, recht alt war. Nachdem ich lange herum jammerte, dass ich eventuell MS haben könnte, platzte einer Frau in meiner Umgebung der Kragen und sie meinte, dass ich endlich die Untersuchung machen lassen sollte, um eine Antwort zu haben.

Kurz: Die Neurologin hatte recht, die Untersuchung war nicht schmerzhaft. Das Ergebnis war: Ich hatte eine verschärfte Form der Migräne.

Jahre später wurde bei meiner kleinen Schwester Multiple Sklerose diagnostiziert.

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