Sonntag, 27. Dezember 2015

Gelesen: Endlich angekommen


Text zum Buch auf der Krug&Schadenberg-Verlagsseite:
Auf einem Kongress in Boston trifft Dr. Verena Gessner, Unfallchirurgin an einer Münchner Klinik, ihre frühere Studienkollegin Mona Grafenbach wieder. Verena, seit Jahren verheiratet, geht diese Begegnung nicht aus dem Sinn. Als sich die Gelegenheit bietet, Mona in Berlin wiederzusehen, fiebert Verena dem neuerlichen Zusammentreffen entgegen. Doch in Berlin gerät Verena an eine Frau, deren Avancen sie nicht widerstehen kann. Am nächsten Morgen jedoch folgt ein böses Erwachen: K.o.-Tropfen haben Verena ausgeknockt ...

Mein Leseerlebnis

Durch den Klappentext war ich gewarnt, was in dem Buch vorkommen wird. Es war ein bisschen unbequem zu lesen, dass eine Frau die Täterin ist. Es ist seltener, aber es kommt auch vor. Von daher fand ich es spannend, dass es aufgegriffen wurde. 
Zu Beginn der Geschichte sah es so aus, als würde das Geschehen schnell beiseite gelegt und zu einer altbekannte Schmonzette werden: Verenas Hetero-Ehe hatte sich überlebt und sie kam wieder in Kontakt mit Mona, der Frau, für die sie vor Jahren geschärmt hatte.
Aber es wurde dann doch ein Eingeständnisbuch: auch starke Frauen können Opfer werden. Die Grenzen sind nicht leicht zu erkennen. Wieviel Eigenanteil habe ich an dem Geschehen? Bin ich schlussendlich fremdgegangen und habe Schuld, was mir passiert ist?
Das Buch gibt gute und ungewöhnliche Antworten. Die starke erfolgreiche Unfallchirugin, Verena muss erst zusammenbrechen, bevor sie Hilfe zulässt. Denn Stärke zeigt sich nämlich auch darin, nicht alles selbst durchstehen zu müssen, sondern auch Hilfe annehmen zu können - an der Heilung mitarbeiten und sich schützen lernen.
Diese Lernerfahrung zeigt sich ebenso an der Liebesgeschichte, die dann auch im Buch vorkommt.  Auch dort gibt es Grenzen, neue Grenzen, Grenzen, die zu wahren sind.
Ja, das Buch ist irgendwie ein Coming-Out-Buch auf vielen Ebenen.
Überraschend.
Gut.





Endlich angekommen
von Chira Brecht
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg;
Auflage: 1.,
Deutsche Originalausgabe (1. Oktober 2015)
Sprache: Deutsch

Sonntag, 20. Dezember 2015

Mit Carol ist endlich ein Lesbenfilm im Mainstream-Kino angekommen... Moment!

Es braucht eine Highsmith, einen Haynes, eine Blanchett, eine Mara, damit ein Lesbenfilm einmal ganz großes Kino im Mainstream wird. Es ist diese hochkarätige Mixtur, die diesen Film ermöglichte: die ausgezeichnete Autorin Patricia Highsmith, der ausgezeichnete Regisseur Todd Haynes und die ausgezeichneten Schauspielerinnen Cate Blanchett und Rooney Mara und das gebildete Heteropublikum freut sich, mal einen tollen alternativen Film anschauen zu dürfen.

Zum Inhalt

Es ist Anfang der 50er Jahre. Therese (Rooney Mara) arbeitet über Weihnachten in der Kinderspielabteilung eines Kaufhauses. Eines Tages bedient sie Carol (Cate Blanchett), die sich gerade von ihrem Mann scheiden lassen will und um das Sorgerecht für ihre Tochter kämpft.

Meine Kritik

Fangen wir mit der vielbeschworenen Visualisierung der 50er Jahre an. Zu sehr verweilte und schwenkte die Kamera auf die Ausstattung der 50er. Jedoch sah alles so aus, als käme es aus der Zeit und ist bis zum Film gealtert: die Tapeten waren vergilbt, die Puppen sahen gebraucht und auch schon 60 Jahre in Aufbewahrung aus. Die Menschen wirkten in ihren Kostümen verkleidet. Die meisten Männer jedenfalls sahen aus, als würden sie nicht in die Wäsche passen und/oder sich nicht darin wohlfühlen.

Sowieso der Stellenwert im Film, der den Männern zukam. Im Buch zeigte Highsmith auch Thereses Bezug zu den Frauen um sie herum. Sie war jung, ohne viel Erfahrung, am Beginn ihrer beruflichen Karriere, aber fähig.
Und sie hatte schon sexuelle Erfahrung gemacht: im Buch wird darüber gesprochen, dass sie mehrfach Sex mit Richard, im Film dargestellt von Jake Lacy, hatte. Richard, der sie heiraten wollte, der mit ihr nach Europa reisen wollte, den sie aber nicht liebte. Die sexuelle Erfahrung war die Folie vor dem die Erfahrung mit Carol lag: alles machte mehr Sinn, traf sie tiefer, was Therese mit Carol erlebte. Schon früh hatte sie für sich festgestellt, dass sie in Carol verliebt ist.
Im Gegensatz zum Buch wurde Therese im Film nur als die Unentschiedene, Unsichere ohne Erfahrung jeglicher Art, sei es beziehungstechnisch oder beruflich, inszeniert. Alle konnten mit ihr machen, was sie wollten. Und es wirkte fast so, als käme der lesbische Sog nur von Carol, nicht auch von ihr.

Der Film schwächelte in der Darstellung der Anziehung beider Frauen. Zwei europäische Filme, die auch in den 50er Jahren spielen: Entre Nous (F, 1983) und Between two women (GB, 2000) zeigen das weibliche Begehren besser und intensiver. Da ist es Haynes nicht gelungen mir, der Lesbe mit so einiger Lesbenfilm-Kuck-Erfahrung, dieses Begehren glaubhaft zu zeigen.

Dennoch stach für mich Mara in der Darstellung der Therese überall positiv hervor. Sie war eine hervorragende Therese. Blanchetts Leistung wurde besonders stark, als Carol ihren Monolog vor den Scheidungsanwälten und ihrem Mann führte und zu sich und ihren Gefühlen für Therese stand.

Und dann der Schluss, die Blicke, die verstehend, fordernd, lächelnd ausgetauscht wurden: es wird ein Happy End. Die Zuschauerin genießt den Moment des kommenden Happy Ends und der Film wird schwarz. Einfach so. Ende. So endet auch das Buch, Carol und Therese sehen sich an und Therese geht auf Carol zu. Aber wir können noch Thereses Statements lesen, dass es immer Carol sein wird, egal wo, egal wie.

Resümee

Endlich nach über 60 Jahren seit Veröffentlichung des Buches "The Price of Salt" von Patricia Highsmith (damals noch unter Pseudonym) und nach 10 Jahren der Filmvorbereitung kam die langerwartete Verfilmung eines Lesbenklassikers heraus. Da schmerzen der Lesbe die Beteuerungen der Macherinnen in den Medien, das Thema sei universal, der Film sei ein Liebes-, KEIN Lesbenfilm.
Das ist eben nicht wahr. Die Geschichte funktioniert nur, weil zwei Frauen sich in einer Zeit ineinander verlieben und begehren, in der es auch für Frauen gesellschaftliche Ächtung und Verluste bedeutete. Im Film verfolgten wir, was Carol alles tun musste, um im Kampf um das Sorgerecht für ihre Tochter doch noch eine Chance zu erhalten: nach der Entdeckung ihrer lesbischen Liebesgeschichte ließ sie Therese los und unterzog sich psychiatrischer Behandlung. Ihre Eigenschaft als gute Mutter wurde von der Umwelt in Frage gestellt. So ein Inhalt kann und muss auch einem Heteropublikum zugemutet werden.

Carol ist ein Lesbenfilm, schaut ihn euch an!

  

Carol
Laufzeit: 1 Std. 58 Min.
Kinostart: 17. Dezember 2015
Regie: Todd Haynes
Mit Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson

Freitag, 18. Dezember 2015

Carol-Kino-Besuch: Aftermath

Mein Kino-Besuch-Resümee auf Twitter:


Donnerstag, 17. Dezember 2015

Mal Seh'n Carol zur L-Film-Nacht

Warten vor dem Filmereignis


Ich bin im Mal Seh'n-Kino und trinke ein großes Glas Rotwein. Fast zu groß und gefällig für meinen Geschmack. Aber so ist die Lokalität: gemütlich und nicht überteuert.
Ich weiß, dass ich auch zu meinen Single-Zeiten hier im Kino war. Vor 100 Jahren. Vor Ewigkeiten.
In knapp einer Stunde geht es los. Wie voll es werden wird, wird sich zeigen.

Carol: die Rezensionen überschlagen sich in positiver Kritik. Carol sei ein Oscar-Anwärter. Carol, der 10 Jahre auf die Fertigstellung des Filmes warten musste. Carol, der Film, dessen Buch vor über 60 Jahren für die Homos, Männer wie Frauen, Leben bedeutete. Alles ist anders. Bemerkenswert war die FAZ-Rezi, die Carol als die Verführerin, die Jägerin beschreibt. Alles geschieht mit Absicht bei ihr. Das arme und viel jüngere Haserl, Therese, hat gar keine Chance gegen sie.

Was die Blicke und die Stimmung in der Carol-Verfilmung angeht, so erinnerten mich die Ausschnitte auf Youtube ganz stark an Entre Nous, der ja leider ohne die Erfüllung durch Sex auskommen muss, aber deshalb erst recht so schön anzusehen ist. Sublimation. Und die Blicke und das Sich-Aneinander-Anlehnen sprechen tausend Bände. Die Stimme der Tochter (Regisseurin) aus dem Off tut der Fantasie ein übriges: die beiden Frauen lebten natürlich zusammen. Es ist kein wirklicher Lesbenfilm, aber äußerst sehenswert für mich als Lesbe.

Was Carol angeht, habe ich nun das Hörbuch auf  CD gebrannt, damit ich damit einschlafen kann. Die Stimme der britischen Sprecherin gefällt mir besser als die amerikanische, obwohl Carol doch in den USA spielt. Ostküste, New York, da ist der amerikanische Slang Zuhause.

Es kommen viele Filmgäste. Ich muss den Wein bald geschafft haben. Es wird, es ist Viertel vor 9.

Getwittert zu diesem Filmereignis















Montag, 7. Dezember 2015

Lektorin des Ylva-Verlags zu Besuch im Lesbenliteratursalon

Sandra Gerth, Cheflektorin der
englischen Bücher im Ylva-Verlag
Am Sonntag, den 6. Dezember 2015 war Sandra Gerth, Cheflektorin der englischen Bücher des Ylva-Verlags zu Besuch im Lesbenliteratursalon. Gerth gewährte einen guten Einblick in die Funktionsweise eines jungen aufstrebenden Lesbenverlags.

Die Vorarbeit

Sandra  trifft die Vorauswahl, welche Manuskripte weiter zum Submissionboard gereicht werden oder wo an eine Autorin eine Absage zu schreiben ist. Dabei hilft ihr auch die Erfahrung, die sie als Psychologin gemacht hatte.

Lektorat

Die Arbeit im Lektorat beinhaltet 50% Manuskriptarbeit. Es ist vor allem ein Autorinnen bezogenes Projektmanagement. Sandra betreut ca. 20 Autorinnen. Das Lektorat hat Schnittstellen zu allen Abteilungen des Verlags: z.B. Werbung, Öffentlichkeitsarbeit, Recht. Ein Submissionboard entscheidet über eingeschickte Bücher, ob diese vom Verlag zur Veröffentlichung angenommen werden. Zuvor wählt Gerth aus, welche Bücher überhaupt ins Board gelangen. Gerth beschrieb mehrere Aufgaben die im Lektorat anfallen, z. B. das Content Development bei dem die Kapitelstruktur geprüft wird und ob die Figuren stimmig sind oder nicht. Beim Line-Editoring werden zeilenweise Fehler im Text gesucht. Die Arbeit im Lektorat beinhaltet auch, ein Buch mit den Kosten zu kalkulieren: für Umschlaggestaltung, Bezahlung an Amazon, Mehrwertsteuer, Buchdruck (bei Printversion) und Honorar für die Autorin.

Kann Lektorin als Beruf gelernt werden?

Das Lektorat sei kein klassischer Ausbildungsberuf. Im Ylva-Verlag funktioniere es nach learning by doing. Es gäbe viele Quereinsteigerinnen im Beruf. Andere Wege zum Berufseinstieg sei ein Studium (meist Germanistik), dann 2 Jahre Volontariat in einem Verlag. Voraussetzung um den Beruf auszuüben, sei Organisationstalent, das Besitzen von einem guten Zeitmanagement und Kommunikationsfähigkeit. Diplomatie und Geduld sei sehr hilfreich. Autorinnen seien nicht immer die einfachsten Menschen.

Buchveröffentlichung

15% der Bücher werden als Print verkauft, der Rest als E-Books. Der Verlag hat für Print on Demand einen Vertragsparter in Großbritannien der einen guten Standard böte. Sie sind am Überlegen auch Hörbucher herauszubringen.

Verlagsprogramm: Unterhaltungsliteratur

Zum Verlagsprogramm teilte uns Gerth mit, dass das amerikanische Publikum am liebsten Liebesromanzen hätte, die in der Gegenwart spielen. Sie seien vor allem Unterhaltungsleserinnen. Bei den für den deutschsprachigen Markt veröffentlichten Bücher dürfe der Inhalt auch ernster sein.

Resümee

Ich fand es faszinierend, wie Sandra Gerth von all den Bereichen eines großen Unternehmens wie einem Verlag sprach. Mir war dabei bewusst, dass Vieles an Arbeit noch in Personalunion stattfinden wird. Den Hinweis mit der ehrlichen Bezahlung und den Verträgen fand ich spannend. Gibt es in Deutschland doch dieses ausgeklügelte Verlagsrecht, bei dem die Autorin schon mal schnell alle Rechte an den Verlag abtritt und sich so in langjährige Abhängigkeit von einem Verlag begibt. Ihr Tipp war deshalb, frau sollte sich rechtlich beraten lassen, um nicht Knebelverträge zu unterzeichnen. Ich nahm es als Lob für den Lesbenliteratursalon, wie begeistert sich Gerth von den interessierten Fragen der Frauen zeigte. Ein Lob, das wir auch gerne für den fesselnden Vortrag an Sandra Gerth zurückgaben. Und so bleibt abschließend festzuhalten: Es war eine schöne, informative und unterhaltsame Veranstaltung an diesem Sonntagnachmittag im Dezember.
 
* * *
 
Verlagsgeschichte des Ylva-Verlags
Astrid Ohletz wollte 2011 einen selbstgeschriebenen Roman veröffentlichen und entschied sich, dafür einen eigenen Verlag zu gründen. Recht bald kamen andere Autorinnen auf sie zu und baten sie, auch ihre Bücher zu verlegen. So kam es, dass Astrid Ohletz dann zur Verlegerin wurde und heute kaum noch Zeit hat, selbst Bücher zu schreiben.
Über Sandra Gerth
Sandra Gerth hat vor ihrem Lektoratsberuf als Psychologin gearbeitet. Sie schreibt selbst auch Bücher (herausgegeben sind bisher 12 in englischer Sprache, 6 in deutscher Sprache und 2 Sachbücher) und ist Cheflektorin im englischen Bereich des Ylva-Verlags. Sandra Gerth schreibt schon seit längerer Zeit. Um sich mit anderen Autorinnen im Netz auszutauschen, suchte sie nach einem Schreibforum. Fand jedoch nur welche im englisch-sprachigen Bereich. Das von ihr genutzte Pseudonym JAE war der Name einer Figur, die sie mochte und entschied sich, diesen Namen als ihren Autorinnennamen zu verwenden, auch um nicht in Interessenkonflikt mit ihrem damaligen Arbeitgeber zu geraten. JAE schreibt auf Englisch, weil sie die Sprache mag. Da dieses Pseudonym bereits etabliert war, entschied sie sich, es auch beim Ylva-Verlag als Arbeitgeberin beizubehalten. Sie ist nun seit zwei Jahren Vollzeitautorin. Ihre englischsprachigen Bücher übersetzt sie für den deutschen Markt selber.